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1767–1815
Die Werke des Finanzbeamten Leonhard von Call hatten einen großen Vorteil: sie waren auch für einen
Laien spielbar. Die brillanten Schöpfungen der berühmten Virtuosen hörte man sich zwar im Konzert gerne
an, aber beim häuslichen Musizieren mit den Freunden, da griff man doch eher zu den überschaubaren
Duos oder Trios des k. k. Geheimen Kammerzahlamts-Liquidations-Adjunkten. Die Stücke, die
der am 19.3.1767 in St. Pauls-Eppan (Südtirol) geborene von Call (sein Name wurde nach damaliger Mode oft
französisch „de Call“ wiedergegeben) in Wiener Privatakademien auf der Gitarre „mit außerordentlicher
Fertigkeit, Anmuth und Wirkung“ darbot (Übersicht des gegenwärtigen Zustandes der Tonkunst in
Wien, 1808), waren liebenswürdig und einfach genug, um ihren Autor zu einem der populärsten und
erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit zu machen. Wie ein zeitgenössischer Rezensent es
formulierte: „Herr de Call trifft überall so ziemlich den rechten Ton: angenehm, gefällig, heiter, leicht
und populär, ohne (von wenigen Stellen ausgenommen) ganz gemein zu werden.“
Leonhard, das dritte von fünf Kindern, die Maria Theresia geb. Heissler ihrem Gatten Leonhard Balthasar von
Call geschenkt hatte, wird seine musikalische Ausbildung wahrscheinlich in Bozen erhalten haben. Nachdem
er in preußischen Diensten am ersten Koalitionskrieg gegen die Franzosen teilgenommen hatte,
übersiedelte er offensichtlich 1796 nach Wien, wo er als Angestellter der Hofschatzkammer
arbeitete. Seit 1802 erscheinen seine Kompositionen bei den Wiener Musikverlagen. 1807, bereits
vierzigjährig, vermählt Call sich mit der achtzehn Jahre jüngeren Maria Wilhelmina Brabee, Edle von
Franzenshuld, eine Ehe, aus der in den wenigen Jahren, die das Schicksal der Familie gönnt, zwar fünf
Kinder hervorgehen werden, von denen aber allein die Tochter Adelheid Anna (*1810) das Kindesalter und
ihren Vater überleben wird.
Es scheint, dass die gesicherte Stellung für Call der geeignete Rahmen war, um ein der Musik gewidmetes
Leben zu führen. Ohne finanzielle Sorgen konnte er sich in der freien Zeit ganz seiner „geliebten Cytharra“
(Brief an den Weimarer Kapellmeister August Müller) und der Komposition zuwenden. So reicht die Zahl
seiner veröffentlichten Opera gegen 150, wobei – noch vor etlichen Werken für Männerchor – die
Kammermusik mit Gitarre den größten Teil seines Schaffens einnimmt: Duos für verschiedene Besetzungen,
wie etwa Violine und Gitarre oder auch Mandoline und Gitarre, zahlreiche Trios (überwiegend für Flöte,
Bratsche und Gitarre), fünf Quartette und auch drei Quintette für Flöte, Streicher und Gitarre.
Als der noch nicht einmal 48-Jährige am 19.2.1815 in Wien an „Luftröhrenschwindsucht“ stirbt,
schreibt die Allgemeine musikalische Zeitung: „Er starb und mit ihm seiner Familie ein liebreicher
Vater, seinen Jugendgefährten ein treuer Bruder, dem Vaterlande ein tätiger Staatsbürger und
der Kunst ein unermüdlicher Beförderer.“ Anderthalb Jahrhunderte später konstatiert
Wolfgang Matthäus in Die Musik in Geschichte und Gegenwart: „Der Anonymität eines bürgerlichen
Lebens entspricht die vollständige Rezeption, die Calls Werk von Seiten der Gesellschaft erfahren hat.
In Nachhaltigkeit und Streuung dieser Rezeption ist sein Werk dem der bedeutendsten Meister seiner Zeit
zur Seite zu stellen.“
Andreas Grün
Ich bin Frau Johanna von Call für ihre biografischen Informationen zu Dank verpflichtet.
Serenade très facile, op. 55
für Violine und Gitarre, hrsg. v. Andreas Grün, Zimmermann-Verlag, ZM 35520