Andreas Grün

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Leonhard von Call

1767–1815

English version

Kammermusik mit Gitarre

Die Werke des Finanzbeamten Leonhard von Call hatten einen großen Vorteil: sie waren auch für einen Laien spielbar. Die brillanten Schöpfungen der berühmten Virtuosen hörte man sich zwar im Konzert gerne an, aber beim häuslichen Musizieren mit den Freunden, da griff man doch eher zu den über­schau­baren Duos oder Trios des k. k. Geheimen Kammer­zahlamts-Liquidations-Ad­junkten. Die Stücke, die der am 19.3.1767 in St. Pauls-Eppan (Südtirol) geborene von Call (sein Name wurde nach damaliger Mode oft französisch „de Call“ wieder­gegeben) in Wiener Privat­akademien auf der Gitarre „mit außer­ordentlicher Fertigkeit, Anmuth und Wirkung“ darbot (Über­sicht des gegen­wärtigen Zustandes der Tonkunst in Wien, 1808), waren liebens­würdig und einfach genug, um ihren Autor zu einem der populärsten und erfolg­reichsten Kom­ponisten seiner Zeit zu machen. Wie ein zeit­genössischer Rezensent es formulierte: „Herr de Call trifft überall so ziemlich den rechten Ton: angenehm, gefällig, heiter, leicht und populär, ohne (von wenigen Stellen aus­genommen) ganz gemein zu werden.“
Leonhard, das dritte von fünf Kindern, die Maria Theresia geb. Heissler ihrem Gatten Leonhard Balthasar von Call geschenkt hatte, wird seine musikalische Ausbildung wahrscheinlich in Bozen erhalten haben. Nachdem er in preußischen Diensten am ersten Koalitions­krieg gegen die Franzosen teil­genommen hatte, über­siedelte er offen­sichtlich 1796 nach Wien, wo er als An­gestellter der Hof­schatz­kammer arbeitete. Seit 1802 er­scheinen seine Kom­positionen bei den Wiener Musik­verlagen. 1807, be­reits vierzig­jährig, vermählt Call sich mit der acht­zehn Jahre jüngeren Maria Wilhelmina Brabee, Edle von Franzens­huld, eine Ehe, aus der in den wenigen Jahren, die das Schick­sal der Familie gönnt, zwar fünf Kinder hervor­gehen werden, von denen aber allein die Tochter Adelheid Anna (*1810) das Kindesalter und ihren Vater überleben wird.
Es scheint, dass die gesicherte Stellung für Call der geeignete Rahmen war, um ein der Musik gewidmetes Leben zu führen. Ohne finanzielle Sorgen konnte er sich in der freien Zeit ganz seiner „geliebten Cytharra“ (Brief an den Weimarer Kapell­meister August Müller) und der Komposition zuwenden. So reicht die Zahl seiner ver­öffentlichten Opera gegen 150, wobei – noch vor etlichen Werken für Männer­chor – die Kammer­musik mit Gitarre den größten Teil seines Schaffens einnimmt: Duos für ver­schiedene Be­setzungen, wie etwa Violine und Gitarre oder auch Mandoline und Gitarre, zahl­reiche Trios (über­wiegend für Flöte, Bratsche und Gitarre), fünf Quartette und auch drei Quintette für Flöte, Streicher und Gitarre.
Als der noch nicht einmal 48-Jährige am 19.2.1815 in Wien an „Luft­röhren­schwind­sucht“ stirbt, schreibt die Allgemeine musikalische Zeitung: „Er starb und mit ihm seiner Familie ein liebreicher Vater, seinen Jugend­gefährten ein treuer Bruder, dem Vater­lande ein tätiger Staats­bürger und der Kunst ein un­er­müdlicher Be­förderer.“ Anderthalb Jahr­hunderte später kon­statiert Wolf­gang Matthäus in Die Musik in Geschichte und Gegen­wart: „Der Anonymität eines bürgerlichen Lebens ent­spricht die voll­ständige Rezeption, die Calls Werk von Seiten der Gesellschaft erfahren hat. In Nach­haltigkeit und Streuung dieser Rezeption ist sein Werk dem der be­deutendsten Meister seiner Zeit zur Seite zu stellen.“

Andreas Grün


Ich bin Frau Johanna von Call für ihre bio­grafischen In­formationen zu Dank verpflichtet.

Notenausgabe

Serenade très facile, op. 55
für Violine und Gitarre, hrsg. v. Andreas Grün, Zimmermann-Verlag, ZM 35520