Andreas Grün

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Heinrich Marschner

1795–1861

Zwölf Bagatellen • Lieder

Obwohl der gebildete Musiker den Namen Heinrich Marschners wahrscheinlich und vielleicht sogar seine berühmteste Oper Der Vampyr wenigstens dem Titel nach kennt, ist Marschners Musik heute praktisch vollständig aus den Konzert­sälen verschwunden.
In Zittau geboren versucht sich bereits der Fünfzehn­jährige an einem Ballett, nimmt erst nach diesem Erstlings­werk geregelten Kompositions­unterricht und verfasst 1813, am Ende seiner Gymnasial­zeit, mit seinen Bagatellen op. 4 den einzigen Zyklus der deutschen Romantik für Gitarre solo und mit den Zwölf Liedern op. 5 gleich darauf einen weiteren Beitrag zum Original­repertoire dieses Instruments. Er beginnt ein Jura­studium, entscheidet sich aber bald darauf doch end­gültig für die Musik. 1820 trifft er in Dresden Carl Maria von Weber, er bleibt für einige Jahre in dieser Stadt, es kommt aber zu keinem näheren Verhältnis zwischen den beiden Musikern. Marschner ruft auf zur Schaffung einer von aus­ländischen Ein­flüssen freien deutschen Oper. 1826 begibt er sich auf Reisen, übernimmt dann die Leitung des Orchesters am Leipziger Stadt­theater und wird 1828 mit seiner Oper Der Vampyr auf einen Schlag berühmt. 1831 erhält er die Hof­kapell­meister­stelle in Hannover und kann mit Hans Heiling 1833 seinen Ruf als einer der führenden deutschen Opern­komponisten festigen – seine liberale Gesinnung erschwert aber seine Stellung am Hoftheater und nach 1835 kann er an den früheren Erfolg nicht mehr anknüpfen, sein Schaffen wird bereits von Meyerbeer und Richard Wagner in den Schatten gestellt. Nach dem Tod seiner dritten Ehefrau 1854 fühlt er sich vereinsamt, fremd in einer neuen Epoche. Eine Reise nach Paris, wo er seine letzte Oper zur Aufführung bringen möchte, bleibt ergebnis­los. 1861 stirbt Marschner nahezu vergessen.
Ebenso aus dem Blickfeld geraten sind seine Bagatellen für Gitarre. Dabei hätten sie unbedingt mehr Auf­merk­sam­keit verdient. Neben den vielen dilettantischen Gitarren­werken der Romantik, die sich selbst bei größter Dürftigkeit des Inhalts gelegentlich in aller Un­bescheiden­heit bis zu Titeln wie Grande Sonate concertante versteigen, sind die Bagatellen Marschners jeden­falls alles andere als Lappalien. Stilistisch auf der Höhe der Zeit, musikalisch einfalls­reich und voller Bezüge unter­einander sind sie bei weitem nicht nur eine Sammlung von Charakter­stücken, sondern ein wohl geplanter und durchdachter Zyklus, dessen sinnvoller Bogen sich vom ersten bis zum letzten Stück spannt. – Leider hat Marschner die Gitarre in seinem späteren Schaffen kaum noch berück­sichtigt und nur noch einige wenige ver­einzelte Lieder hinterlassen.

Andreas Grün