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*1943
Das Jahrhunderte alte, mehr oder weniger starke Tabu, das auf Kunst mit ausgesprochen
erotisch-sexuellen Gehalten lag, galt natürlich auch für die Musik, wenn auch immer wieder
in Doppelbödigem – vor allem in Opern – Erotik als Qualität des Menschseins
durchschlug. Besonders beeindruckende Beispiele erotischer Musik sind Richard
Strauss’ Don Juan, Alexander Skrjabins Le poème de l’extase, die Zwischenaktmusik
aus Lady Macbeth von Dimitri Schostakowitsch, Béla Bartóks Wunderbarer Mandarin
oder in neuerer Zeit Alcides Lanzas Penetration VI und Help, I’m a rock der
Underground-Gruppe Mothers of Invention. Die Tochter des Dirigenten Hermann Scherchen, Tona
Scherchen-Hsiao komponierte 1972 Yun-Yu (Wolken und Regen als chinesisches Symbol
für den Liebesakt) für Violine und Vibraphon. – In meinem Zyklus der Erotogramme
für Soloinstrumente ohne und mit Tonband (op.29) werden die verschiedensten Aspekte
der Erotik gestaltet. So ist Oktopus von 1970 für Flöte und Tonband „umfassend“, die
Darstellung des Todesaspekts der Liebe ist in Mantis religiosa für Saxophon und
Tonband geplant.
In Tamar für Gitarre solo überwiegt der Aspekt der Zärtlichkeit. Das Werk setzt
zahlreiche neue Gitarrentechniken ein: Klopfen, Glissandi, Gegenglissandi, Zupfen
hinter dem Grifffinger etc. Notiert ist es teils in modifizierter herkömmlicher
Notation, teils in einer speziell für dieses Werk entwickelten Tabulaturschrift, die
graphisch wirkt, jedoch außerordentlich präzise die gewünschten Klänge evoziert.
Im Nocturnal, einer „Hommage à Anaïs Nin“, die natürlich auch als „absolute“
Musik gehört werden kann, spielen ton- und zahlensymbolische Vernetzungen eine große Rolle,
z. B. besonders deutlich im Takt 217, in dem die Töne von Anaïs Nin und Henry Miller
(bekanntlich inspirierten die Schriftsteller A. N. und H. M. sich gegenseitig,
besonders in der Zeit ihrer leidenschaftlichen Liebe Anfang der Dreißiger Jahre)
–
Der Titel Nocturnal soll einerseits – im Gegensatz zum divertimentohaften „Notturno“
oder träumerischen „Nocturne“ – mehr auch die abgründigen Dimensionen einer Nachtmusik
verdeutlichen, andererseits ist Nocturnal der Titel von Edgar Varèses letztem
Werk, dem Textfragmente aus Anaïs Nins House of lncest von 1934 zugrunde liegen.
So wird aus diesem Werk auch eine Stelle frei zitiert.
Frank Michael
Feuerschrift – Werke von Frank Michael
Nocturnal u. a.; Frank Michael (Flöte) und Andreas Grün (Gitarre);