| Repertoire | ![]() |
Kontakt | Home |
*1970
Der am 17.5.1970 in Karlsruhe geborene Schneider durchlief zunächst an der
Pädagogischen Hochschule Karlsruhe eine Ausbildung zum Musiklehrer und studierte
anschließend Komposition in Mannheim bei Ulrich Leyendecker. Er erhielt mehrere
Preise und Auszeichnungen, so wurde seine Oper Das Kalkwerk nach Thomas
Bernhard beim Opernwettbewerb „Johann-Joseph-Fux-Musikpreis“ im
Rahmen des Steirischen Herbstes ausgezeichnet. – 2003 kam seine im Auftrag des
Staatstheaters Vorpommern entstandene Ballettmusik zu García Lorcas
Bernarda Albas Haus zur Uraufführung.
Der Titel seines 1995 geschriebenen Gitarrenstückes … je suis encore
un chêne … („ich bin noch immer eine Eiche“) entstammt dem Gedicht
Le chêne et le roseau von Jean Anouilh (1961), das sich auf La Fontaines
Fabel bezieht, wo eine Eiche und ein Schilfrohr darum streiten, wer von beiden
der Stärkere sei. Die Eiche beansprucht diesen Titel natürlich für sich, aber
nach einem Sturm liegt sie entwurzelt da, das biegsame Schilfrohr dagegen überlebt.
Während La Fontaines damit verbundene Botschaft recht eindeutig ist, ist
es bei Anouilh die sterbende Eiche, die das letzte Wort hat und dem triumphierenden
Schilfrohr in trotzigem, ungebeugtem Stolz entgegenhält:
„Aber ich bin immer noch eine Eiche!“
„Mit Stolz und Schmerz“ (so die Spielanweisung) beginnt denn auch das Werk Schneiders,
und nicht zuletzt beruht der Erfolg, den das Stück in Konzerten immer wieder hat,
auf der Unmittelbarkeit seiner Ausdruckskraft. Es wäre freilich
zu kurz gegriffen, das Stück allein auf seine emotionalen Qualitäten zu reduzieren
und die Kunstfertigkeit unbeachtet zu lassen, die im Hintergrund Struktur
und Form des Stückes mitgestaltet. So greifen beispielsweise zahlensymbolische
Elemente überall ordnend ein, wobei die Zahlen 5 und 7 (siehe Geburtsdatum) eine
dominierende Rolle spielen. Schon die Metronomangabe schreibt Viertel gleich
57 vor, in Takt 5 erklingt nach einer anfänglichen Dreiton-Konstellation ein erster
neuer Ton (es – S?), in Takt 7 kommt die erste Generalpause, in Takt 17 geht der
erste Abschnitt zu Ende, der zweite endet nach 35 (= 5x7) Takten, das ganze Stück
besteht aus 57 Takten usw. – So chiffriert der Komponist, nur für den Eingeweihten,
seine persönliche Betroffenheit und wie sehr er dieses Stück als persönliche, biografische
Aussage versteht (vergleichbar mit der Art, wie etwa Bach den Choral Vor Deinen
Thron tret ich hiermit durch zahlensymbolisches Zitieren seines Namens zu
einem persönlichen Bekenntnis macht: „Vor Deinen Thron tret ich, J. S. Bach,
hiermit“) – „ich, Stephan M. Schneider, bin zwar vom Sturm entwurzelt, aber …“
Interessant ist es auch, die Entfaltung des Tonmaterials zu beobachten, die bewusst
konträr zu sonst in neueren Gitarrenwerken oft vorzufindenden Mustern verläuft:
Die leeren Saiten der Gitarre werden anfangs vollständig vermieden, das eröffnende
B ist überhaupt der ihrem
Auch Schneiders kurz nach dem Solowerk entstandene Kammermusik für
Sopran, Flöte, Gitarre und Schlagzeug bezeugt, wie wichtig dem Komponisten
neben unmittelbarer Wirkung zahlenbezogene Strukturierung und bewusste
Disposition des Tonvorrates sind. Der Komponist schreibt über diese
Bruchstücke nach einem Gedicht von Michael Bullock (so der Untertitel):
„Der Text des Gedichtes River in Reverse von Michael Bullock inspirierte mich
nicht nur zu direkten musikalischen Ereignissen, sondern auch zu Teilen des formalen
Aufbaus und der Materialwahl, die ich aus der Gedichtstruktur in die
Komposition übertrug. – Ein Beispiel wäre die zweite Strophe des Gedichtes, in deren
Zeilen sich abwechselnd mal acht, mal sieben Wörter befinden. Der Mittelteil
der Komposition weist insgesamt 56 Takte (8x7) auf, die in einem 7/8-Takt stehen
und obendrein noch bei Tempo 78 auszuführen sind. In diesem Teil wechselt der
Gitarrist von der
Andreas Grün
Vier
Kinderstücke für Gitarre und Klavier (YouTube)
… je suis encore un chêne …
hrsg. v. Andreas Grün, Sikorski-Verlag, H.S. 8518
„Je suis encore un chêne“ verrät Empfindsamkeit für ausdrucksstarke Melodik.
Badische Zeitung