Andreas Grün

      Repertoire Kontakt Home

Pedro Ximénez Abrill Tirado

1784–1846

English version

Menuette

Der in der südperuanischen Stadt Arequipa geborenen Pedro Ximénez Abrill Tirado war zeitweilig Kapellmeister an der dortigen Kathedrale, wirkte vorüber­gehend wohl auch in Lima und wurde 1833 Kapell­meister an der Kathedrale der damaligen bolivia­nischen Haupt­stadt Sucre, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Nahezu alle seiner etwa 600 Kompositionen – 40 Sinfonien, etwa 50 Messen, Kammer­musik, Lieder, Klavier­werke und anderes – waren nach seinem Tod verschollen und kamen nur durch einen Zufall 2004 wieder ans Tageslicht. Zu Lebzeiten war nur wenig von ihm gedruckt worden. Eine bedeutende Aus­nahme bildete eine 1844 in Paris veröffentlichte zehn­bändige Colección de 100 Minués für Gitarre, ein Instrument, das Ximénez offen­sichtlich meister­haft beherrschte. Nicht nur die Stücke selbst legen dies nahe, sondern auch der Bericht des Engländers L. Hugh de Bonelli, der 1854 in seinem Buch Travels in Bolivia über seine Begegnung mit dem Musiker berichtet:

Der Kapellmeister oder Musikdirektor ist einer der feinsten und kultiviertesten Komponisten der alten Sonaten- und Rondoschule und gleichzeitig ein erst­klassiger Cellist. Seine Können in der Ausführung ist ebenso groß wie sein Geschmack als Komponist, was sich in den exquisiten Melodien zeigt, die er diesem eleganten Instrument, der spanischen Gitarre, entlockt. Die musikalischen Juwelen, die sein Genie hervor­gebracht hat, reichen aus, um seinen Namen unsterblich zu machen: Viele von ihnen haben ihren Weg nach Europa gefunden und ihm die uneinge­schränkte Anerkennung des großen Spohr eingebracht.

Doch auch diese Drucke verschwanden im Lauf der Zeit, und mit ihnen die Kenntnis von dieser Musik, die mit zum Besten gehört, was im frühen 19. Jahrhundert für Gitarre geschrieben worden ist. Erst 2015 wurde die vollständige Sammlung der 100 Menuette neu publiziert.
Der Begriff „Menuett“ führt allerdings in die Irre, obwohl die Stücke sich tatsächlich durchweg an die traditionelle Form des Menuetts halten – mit einer nicht unwichtigen Einschränkung: Ximénez’ Menuette verzichten auf ein Trio und somit auf die vom darauf folgenden Da Capo bewirkte, sonst übliche Geschlossenheit einer dreiteiligen Architektur. Und so können sie zu etwas ganz anderem werden, als es der Titel suggeriert. Es sind weder galante Tänze für einen höfischen Ball noch hausbackene Stücke für eine biedere Musizier­praxis, sondern lyrische, einem etwas verspäteten Empfind­samen Stil ver­pflichtete Charakter­stücke, die Geschichten zu erzählen scheinen.
Ich spiele eine größere Auswahl aus den Menuetten als „Liederzyklus ohne Worte“ auf einer um 1840 in London von einem französischen Gitarren­bauer (entweder Joseph Gérard oder Charles Boullangier) gebauten Gitarre.

Andreas Grün