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1993
Ein Titel soll die Ideen verwirren, nicht ordnen. (Umberto Eco)
Ich hatte, da die Uraufführung kurz bevorstand, die halbe Nacht an der Fertigstellung
der Reinschrift gearbeitet, und um am nächsten Morgen wieder munter zu werden, legte ich
zum Frühstück Mozarts Streichquintett
Mozarts unerschöpflicher Schöpfergeist kommt im Rondofinale zum Ausdruck, das ein Fugato und scheinbaren Ernst mit einem neckischen Thema, abrupten Richtungsänderungen, Chromatizismen und herzlich guter Laune vermischt.
Ein solcher geradezu klassischer Satz (man beachte die Übereinstimmung von Form
und Inhalt: das Fugato der Wortfolge „unerschöpflicher Schöpfergeist“, den
scheinbaren Ernst des Autors, der aber doch spätestens nach der abrupten
Richtungsänderung des Stiles von „Chromatizismen“ zu „herzlich guter Laune“
genau diese beim Leser auslöst …) schien mir besseres verdient zu haben, als in einem CD-Booklet
dahinzuvegetieren. Und da er mir – ein paar weitere Girlandenwindungen eingerechnet
und selbstverständlich ohne mir Mozarts „unerschöpflichen Schöpfergeist“ anmaßen
zu wollen – auch als treffliche Beschreibung meines eigenen soeben beendeten Werkes erschien,
erkor ich diese schönen Worte aus, dasselbige dekorieren zu dürfen – auf die Gefahr hin, für
diesen Unsinn später eins hinter die (Schöpf[er]-)Löffel zu bekommen …
Der Titel entstand also – wie meist – erst „hinterher“ und benennt somit lediglich etwas, das
ohne ihn entstanden ist und dasselbe auch dann wäre, wenn er (der Titel) ein anderer geworden
wäre (was vielleicht besser wäre, aber leider nicht so ist).
Ironie, metasprachliches Spiel, Maskerade hoch zwei. Weshalb es dann (…) beim
Postmodernen auch möglich ist, das Spiel nicht zu verstehen und die Sache ernst zu nehmen.
Das ist ja das Schöne (und die Gefahr) an der Ironie: Immer gibt es jemanden, der das ironisch
Gesagte ernst nimmt. (nochmal Umberto Eco)
… ein brutales Stück, aggressiv … (Harald Lillmeyer
Dauer: 7 Minuten
Uraufführung: 2.5.1993, Essen
Susanne Hilker und Harald Lillmeyer)
vollständige Partitur (PDF)