Andreas Grün

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Ein scheinbares Thema, neckischer Ernst, abrupte Chromatizismen und herzliche Grüße
eine Richtungsänderung für zwei Gitarren (und für Harald)

1993
 

Ein Titel soll die Ideen verwirren, nicht ordnen. (Umberto Eco)

Ich hatte, da die Uraufführung kurz bevorstand, die halbe Nacht an der Fertig­stellung der Rein­schrift gearbeitet, und um am nächsten Morgen wieder munter zu werden, legte ich zum Früh­stück Mozarts Streich­quintett D-Dur auf. Ich blätterte im Begleit­heft der CD und fand darin folgende Text­girlande von Robert Dearling:

Mozarts unerschöpflicher Schöpfergeist kommt im Rondo­finale zum Ausdruck, das ein Fugato und schein­baren Ernst mit einem neckischen Thema, abrupten Richtungs­änderungen, Chromatizismen und herzlich guter Laune vermischt.

Ein solcher geradezu klassischer Satz (man beachte die Über­ein­stimmung von Form und Inhalt: das Fugato der Wortfolge „unerschöpflicher Schöpfer­geist“, den schein​baren Ernst des Autors, der aber doch spätestens nach der abrupten Richtungs­änderung des Stiles von „Chromatizismen“ zu „herzlich guter Laune“ genau diese beim Leser auslöst …) schien mir besseres verdient zu haben, als in einem CD-Booklet dahinzu­vegetieren. Und da er mir – ein paar weitere Girlanden­windungen eingerechnet und selbst­verständlich ohne mir Mozarts „unerschöpflichen Schöpfer­geist“ anmaßen zu wollen – auch als treffliche Beschreibung meines eigenen soeben beendeten Werkes erschien, erkor ich diese schönen Worte aus, dasselbige dekorieren zu dürfen – auf die Gefahr hin, für diesen Unsinn später eins hinter die (Schöpf[er]-)​Löffel zu bekommen …
Der Titel entstand also – wie meist – erst „hinterher“ und benennt somit lediglich etwas, das ohne ihn entstanden ist und dasselbe auch dann wäre, wenn er (der Titel) ein anderer geworden wäre (was vielleicht besser wäre, aber leider nicht so ist).

Ironie, metasprachliches Spiel, Maskerade hoch zwei. Weshalb es dann (…) beim Post­modernen auch möglich ist, das Spiel nicht zu verstehen und die Sache ernst zu nehmen. Das ist ja das Schöne (und die Gefahr) an der Ironie: Immer gibt es jemanden, der das ironisch Gesagte ernst nimmt. (nochmal Umberto Eco)
 

… ein brutales Stück, aggressiv … (Harald Lillmeyer
 

Dauer: 7 Minuten

Uraufführung: 2.5.1993, Essen
Susanne Hilker und Harald Lillmeyer)
 

vollständige Partitur  (PDF)

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