Andreas Grün

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Volkslieder und andere Alltagsgeräusche
11 Stücke für Flöte (Piccolo), Mezzosopran, Klavier, Schlagzeug und Zuspielung

1992–93
 

Dem Geier gleich,
Der, auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend,
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied!

Goethe, Harzreise im Winter
 

Ursprünglich sollten die elf Stücke Einzeltitel erhalten, wie z. B. Das Geräusch der Motor­sägen im Morgen­grauen, wenn die Frauen ihre nachts vergifteten Männer zerteilen (und der Begriff „Alltags­geräusche“ bezog sich eigentlich auf solche Titel und nicht auf die dann tatsächlich verwendeten Alltags­geräusche, die erst in einem späteren Arbeits­stadium in den komposito­rischen Plan mit ein­bezogen wurden) oder Das Lied vom Regen (nach dem letzten Dialog in Soderberghs Sex, Lügen und Video: „Ich glaub es wird regnen.“ – „Es regnet ja schon.“) oder Das Lied vom Ziegel­stein (nach Heiner Müllers Herzstück: „1: Darf ich Ihnen mein Herz zu Füßen legen. / 2: Wenn Sie mir meinen Fußboden nicht schmutzig machen …“). Das Geräusch der in Ohn­macht fallenden Prinzessin wurde erwogen (nach Karl Kraus), Das Knistern des Monats­zeigers (nach Jean Paul), Die Klopf­zeichen der im Schiffs­innern herum­treibenden Leichen (nach Peter Handke) usw.

Irgendwie wollte mir aber eine wirklich schlüssige Zuordnung von Titeln und Stücken nicht gelingen, ich verlor überhaupt das Vertrauen in derartigen und derartig unartigen Hinter­sinn und verwarf also den Plan. Dann wollte ich eine Zeit lang Textteile der Lieder als Liedtitel nehmen, etwa schöne Jungfer didl dudl für X, oder für IV Gute Nacht, in der Hoffnung, der gebildete Hörer möge damit viel­leicht auch die Winter­reise assoziieren und viel­leicht auch den Zusammen­hang erahnen, der zwischen IV und … – aber nein, soviel sollte man einfach nicht erwarten. Also evt. „falsche“ Titel wie z. B. für V Alle Vögel sind schon da oder Horch, was kommt von draußen rein obwohl doch in Wirklichkeit Als der Groß­vater die Groß­mutter nahm erklingt … Nein, nein, irgendwie (schon wieder) geht das alles nicht.

So blieb zum Schluss nur noch das dem Zyklus voran­gestellte Motto übrig, der Beginn von Goethes Harz­reise im Winter, und der geneigte Zuhörer möge sich nun einfach selbst denken, was ihm eben so zu denken beliebt.
 

Dauer: ca.19½ Minuten

Uraufführung: 19.3.93, Heidelberg
Heidelberger Festival Ensemble

Pressestimmen

Andreas Grün … bescherte mit seinen „Volksliedern und anderen Alltags­geräuschen“ ein kurz­weiliges, mitunter lapidar komisches Stück in elf Teilen, in dem Volksliedtexte, -⁠melodien und elektronisch eingeblendete Straßen- oder Maschinen-Lärm­collagen gegen­einander gestellt werden, und dies mit einer launigen Leichtigkeit und verfremdenden Lust an ironischen Brechungen. So klang das abschließende Vogel­hochzeits-„Fidiralalalala“ traurig statt fröhlich und wurde ungewöhnlich bedeutungs­schwanger betont. Grün empfahl sich dabei als Meister der Auslassung und rückte einer Neuen Spärlichkeit durchaus satirisch zuleibe.

Rhein-Neckar-Zeitung

… alles in allem eine kontrastreiche, originelle Geschichte, die Dank engagierter Interpreten den Hörern Spaß machte.

Badische Neueste Nachrichten
 

anhören: IIIIIIIVVVIVIIVIIIIXXXI