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1895–1968
Wenn man Musikgeschichte als stete Folge von Innovationen begreift, hinter deren neuesten
Stand das Komponieren nicht zurückfallen dürfe, so sind Castelnuovo-Tedescos 1965
(also im selben Jahr wie zum Beispiel auch das atonale Recitativo, Aria e Duetto von
Giselher Klebe) geschriebene Sonatina,
op. 205, für Flöte und Gitarre oder seine Sonatina Canonica, op. 196,
für Gitarrenduo (1961) mit ihrer neoklassizistischen, sich höchstens bis zu
impressionistischen Wendungen vorwagenden Ästhetik, zweifellos reichlich
anachronistische Stücke. Andererseits beweist ja gerade die pure Existenz solcher
„viel zu spät“ komponierter Werke, dass „Fortschritt“ ein recht fragwürdiger
geschichtsphilosophischer Begriff ist. Wie dem auch sei – der in Florenz geborene,
zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur italienischen Avantgarde gerechnete und während des
Faschismus mit Aufführungsverbot belegte, von Toscanini, Heifetz und Segovia
protegierte, für Hollywood zeitweise Filmmusiken schreibende und schließlich
in seiner Wahlheimat Beverley Hills gestorbene Castelnuovo-Tedesco hat mit diesen
beiden Sonatinen jedenfalls Spätwerke von mediterraner Klarheit und Heiterkeit
hinterlassen.
Die kompositorischen Eigenheiten dieser Werke sind freilich keine Errungenschaften des
späten Castelnuovo-Tedesco, sondern schon über einen langen Zeitraum die Grundlagen seines
unverwechselbaren Stiles: die kontrapunktische, häufig imitatorische
Übereinanderschachtelung der Themen; deren Verarbeitung durch Zergliederung
in ihre (meist kurzen) motivischen Bestandteile; immer wieder thematische
Sechzehntel-Tonrepetitionen. All diese Merkmale prägen auch sein 1950 entstandenes,
Segovia gewidmetes Quintette, op. 143, für Gitarre und Streichquartett,
oder die Fantasie, op. 145, für Gitarre und Klavier. Dabei übertrifft
das früheste all dieser Werke, das Quintett, in seiner Harmonik (etwa die harte
Parallelführung von Septakkorden im ersten Satz), seiner Ausdruckstiefe
(die düstere Chromatik des zweiten Satzes) und seinen Klangwirkungen (etwa die
Flageolett-Quintparallelen im dritten Satz) alle späteren. Die an die Aufführenden
hohe Ansprüche stellende Komplexität des Werkes einerseits und andererseits seine
unmittelbare Wirkung, hervorgerufen durch eine breite Palette musikalischer
Charaktere von zarter Lyrik bis zu ausgelassener Vitalität, machen das Quintett
zum Hauptwerk der itarrenkammermusik Castelnuovo-Tedescos.
Andreas Grün
Quintette op. 143 (SoundCloud)
Publikumswirksam war der letzte Beitrag: die „Sonatina“ op. 205 von Mario Castelnuovo-Tedesco … Als später Vertreter des Neoklassizismus komponierte er in Anlehnung an die Wiener Klassik und das Barock, doch Einflüsse aus der italienischen Volksmusik waren ebenso erkennbar. Der hervorragenden Leistung beider Interpreten war es mit zu verdanken, dass die „Sonatina“ allgemein sehr großen Anklang fand.
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