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1997–99
1992–2002
Zurück zur Linie (nach all den punktuellen Abstraktionen, deren Effekt genau das Gegenteil ihrer exaltierten Gestik war: Nivellierung, Belanglosigkeit …): wieder ganz von vorn anfangen bei Sekunden, (melodisch) Gehen lernen, vorsichig auf und ab … „Für Elise“ in Zeitlupe, die „Vogelhochzeit“ zusammengequetscht …
Die Stücke III und VI des zweiten Buches der Hölderlin-Vertonungen des Josquin
Desprez sind dem Zyklus Volkslieder
und andere Alltagsgeräusche (für Mezzosopran, Flöte, Klavier und Schlagzeug)
aus den Jahren 1992–93 entnommen. Der schon bald nach Fertigstellung der Volkslieder
aufgekommene Wunsch, diese beiden Sätze in ein umfangreicheres, eigenständiges
Klavierwerk zu integrieren, führte 1996 zu ersten, später nicht verwendeten Entwürfen
für ein solches Projekt; die ersten Skizzen tatsächlich realisierter Stücke entstanden
1997. – Durch die Idee, außerdem eine Variante für Gitarre zu schreiben, kam die Arbeit an der
Klavierversion zunächst zum Stillstand; einige bereits fertige Sätze bzw. Skizzen wurden
für die Gitarrenfassung umgestaltet, andere ganz neu komponiert. Im Wesentlichen entstand
dieses erste Buch für Gitarre 1998–99, während die konkrete Ausarbeitung des nunmehr
zweiten Buches für Klavier erst 2001 erfolgte, z. T. nun wiederum durch Adaption
von Stücken der Gitarrenversion.
Die verschiedenen Bücher sind nicht einfach Uminstrumentierungen, sondern
selbstständige, sozusagen „parallel“ existierende, mögliche Formungen der Gedanken und
Materialien.
Lass uns vergessen, dass es eine Zeit gibt, und zähle die Lebenstage nicht!
Was sind Jahrhunderte gegen den Augenblick, wo zwei Wesen so sich ahnen und nahn?
Friedrich Hölderlin, Hyperion
Neben dem grotesken, ironischen Unterton des Titels springen bei der Betrachtung der
Partitur die Tempobezeichnungen der einzelnen Sätze ins Auge. Als Spielvorschriften
findet man in dem sechssätzigen Zyklus durchweg Bezeichnungen wie „langsam“, „sehr langsam“
oder „ruhig“.
Mit diesen Angaben lässt sich auch der Gestus des Werkes am ehesten beschreiben: eine ruhige,
langsame Lamentomelodik durchzieht das sechzehnminütige Stück und schafft sich
eine eigene, subtile Klangwelt.
Ausgehend von der in Flageolett-Tönen vorgetragenen Monodie des ersten Satzes, mit der sich die
Lamentomotivik und das kompositorische Spiel mit Wiederholung / Variation
schon früh als formbildende Elemente etablieren, bis hin zum „expressiven Höhepunkt“ im
sechsten und letzten Satz – ein immer wiederkehrendes Tremolomotiv – schafft Grün eine
Atmosphäre, oft im Piano- bzw. Pianissimobereich, die zum Verweilen, zum konzentrierten
Innehalten einlädt und netzartig den Zyklus umspannt.
In den übrigen Sätzen werden diese Elemente (Wiederholung, Lamentomotivik) durch das
Verwenden von kontrapunktischen Strukturen komplettiert – ein weiteres zentrales Merkmal
der Komposition. Immer in seiner Sprache bleibend, verzichtet Andreas Grün vollständig auf in der
Neuen Musik gängige Klischees und Eigenheiten. Keine groben Effekte; die Gitarre zurückhaltend,
auf das Wesentliche konzentriert.
Aber dennoch, oder gerade deswegen, werden dem Gitarristen höchste technische und interpretatorische
Fertigkeiten abverlangt.
Dem Paradoxon des Titels auf der Spur stelle ich dem einführenden Zitat kommentarlos (aber frei
übersetzt) ein zweites gegenüber – sie sprechen für sich selbst:
| Mille regrets de vous abandonner Et d’élonger votre face amoureuse J’ai si grand deuil et peine douloreuse Qu’on me verra brief mes jours deffiner |
Tausendfaches Bedauern dich zu verlassen Und sich von deinem geliebten Angesicht zu entfernen Ich trage große Trauer und tiefen Schmerz So dass man bald schon sieht, dass meine Tage endgültig gezählt sind |
Mille regrets, vertont von Josquin Desprez
Stephan Marc Schneider
Die Stücke Andreas Grüns sind weder Oden oder Hymnen an Musen der griechischen Antike bzw.
die Natur, noch hängen ihnen politisch revolutionäre Züge an.
„Beladung des Wortes, weniger Worte, mit einer ungeheuren Ansammlung schöpferischer Spannung,
eigentlich mehr ein Ergreifen von Worten aus Spannung“, schrieb Gottfried Benn über die Gedichte
Hölderlins, eine Darstellung, nach der ich die Hölderlin-Vertonungen als „Ergreifen von
Tönen aus Spannung“ assoziiere, denn die einzelnen Sätze leben aus einer eigenen, ihnen
innewohnenden Dynamik und gestalten sich in ihrem Verlauf mit einer Konsequenz, die
der Stimmführung Josquin Desprez’ ähnlich ist. Der Reichtum an Obertönen dessen
Vokalmusik wird durch die Verwendung von Flageolett-Tönen aufgegriffen, deren Aufleuchten
wie Entladungen jener Spannung anmuten, aus der die Musik unmittelbar zu entstehen scheint. Die
bewusst „sehr langsam“ gehaltenen Tempi unterstützen diese Vorstellung einer „Beladung des
Tones, weniger Töne“ nach Benn. Die Motive und Melodien Grüns gewinnen dadurch für mich eine
eigene Griffigkeit bzw. Intensität, die eine Verwendung anderer moderner Kompositionstechniken
hinfällig erscheinen lässt.
Auf dieser Vorstellung von Ladung und Entladung kleinster musikalischer Spannungen beruht meine
Interpretation der Hölderlin-Vertonungen des Josquin Desprez, aus der heraus ich als Person
in den Hintergrund treten kann.
Es gibt ein Vergessen alles Daseins,
ein Verstummen unseres Wesens,
wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.
Hölderlin, Hyperion, erstes Buch
Reinhard Klatt
Dauern: 1. Buch ca. 16 Minuten; 2. Buch ca. 20 Minuten
Uraufführungen
1. Buch: 28.3.1999, Tel Aviv
Andreas Grün
2. Buch: 25.1.2003, Karlsruhe
Daniel N. Seel
vollständige Partituren:
1. Buch
2. Buch
(PDF)
anhören:
1. Buch
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