Andreas Grün

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Die Hölderlin-Vertonungen des Josquin Desprez
 
1. Buch
für Gitarre

1997–99

2. Buch
für Klavier

1992–2002


Zurück zur Linie (nach all den punktuellen Abstraktionen, deren Effekt genau das Gegenteil ihrer exaltierten Gestik war: Nivellierung, Belanglosigkeit …): wieder ganz von vorn anfangen bei Sekunden, (melodisch) Gehen lernen, vorsichtig auf und ab … „Für Elise“ in Zeitlupe, die „Vogelhochzeit“ zusammengequetscht …

Die Stücke III und VI des zweiten Buches der Hölderlin-Vertonungen des Josquin Desprez sind dem Zyklus Volkslieder und andere Alltagsgeräusche (für Mezzosopran, Flöte, Klavier und Schlagzeug) aus den Jahren 1992–93 entnommen. Der schon bald nach Fertigstellung der Volkslieder aufgekommene Wunsch, diese beiden Sätze in ein umfangreicheres, eigenständiges Klavierwerk zu integrieren, führte 1996 zu ersten, später nicht verwendeten Entwürfen für ein solches Projekt; die ersten Skizzen tatsächlich realisierter Stücke entstanden 1997. – Durch die Idee, außerdem eine Variante für Gitarre zu schreiben, kam die Arbeit an der Klavierversion zunächst zum Stillstand; einige bereits fertige Sätze bzw. Skizzen wurden für die Gitarrenfassung umgestaltet, andere ganz neu komponiert. Im Wesentlichen entstand dieses erste Buch für Gitarre 1998–99, während die konkrete Ausarbeitung des nunmehr zweiten Buches für Klavier erst 2001 erfolgte, z. T. nun wiederum durch Adaption von Stücken der Gitarrenversion. – Ein drittes Buch (für Orgel) ist geplant.
Die verschiedenen „Bücher“ sind nicht einfach „Uminstrumentierungen“, sondern selbständige, sozusagen „parallel“ existierende, mögliche Formungen der Gedanken und Materialien. Eine „serielle“, zyklische Aufführung aller Bücher wird, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen sinnvoll sein.

Andreas Grün

Über Andreas Grüns „Die Hölderlin-Vertonungen des Josquin Desprez, 1. Buch“

Lass uns vergessen, dass es eine Zeit gibt, und zähle die Lebenstage nicht!
Was sind Jahrhunderte gegen den Augenblick, wo zwei Wesen so sich ahnen und nahn?

(Friedrich Hölderlin, Hyperion)

Neben dem grotesken, ironischen Unterton des Titels springen bei der Betrachtung der Partitur die Tempobezeichnungen der einzelnen Sätze ins Auge. Als Spielvorschriften findet man in dem sechssätzigen Zyklus durchweg Bezeichnungen wie „langsam“, „sehr langsam“ oder „ruhig“.
Mit diesen Angaben lässt sich auch der Gestus des Werkes am ehesten beschreiben: eine ruhige, langsame Lamentomelodik durchzieht das sechzehnminütige Stück und schafft sich eine eigene, subtile Klangwelt.
Ausgehend von der in Flageolett-Tönen vorgetragenen Monodie des ersten Satzes, mit der sich die Lamentomotivik und das kompositorische Spiel mit Wiederholung/Variation schon früh als formbildende Elemente etablieren, bis hin zum „expressiven Höhepunkt“ im sechsten und letzten Satz – ein immer wiederkehrendes Tremolomotiv – schafft Grün eine Atmosphäre, oft im Piano- bzw. Pianissimobereich, die zum Verweilen, zum konzentrierten Innehalten einlädt und netzartig den Zyklus umspannt.
In den übrigen Sätzen werden diese Elemente (Wiederholung, Lamentomotivik) durch das Verwenden von kontrapunktischen Strukturen komplettiert – ein weiteres zentrales Merkmal der Komposition. Immer in seiner Sprache bleibend, verzichtet Andreas Grün vollständig auf in der Neuen Musik gängige Klischees und Eigenheiten. Keine groben Effekte; die Gitarre zurückhaltend, auf das Wesentliche konzentriert.
Aber dennoch, oder gerade deswegen, werden dem Gitarristen höchste technische und interpretatorische Fertigkeiten abverlangt.
Dem Paradoxon des Titels auf der Spur stelle ich dem einführenden Zitat kommentarlos (aber frei übersetzt) ein zweites gegenüber – sie sprechen für sich selbst:

Mille regrets de vous abandonner
Et d’élonger votre face amoureuse
J’ai si grand deuil et peine douloreuse
Qu’on me verra brief mes jours deffiner
Tausendfaches Bedauern dich zu verlassen
Und sich von deinem geliebten Angesicht zu entfernen
Ich trage große Trauer und tiefen Schmerz
So dass man bald schon sieht, dass meine Tage endgültig gezählt sind

(Mille regrets, vertont von Josquin Desprez)

Stephan Marc Schneider

„Die Hölderlin-Vertonungen des Josquin Desprez, 1. Buch“ aus der Sicht eines Interpreten

Die Stücke Andreas Grüns sind weder Oden oder Hymnen an Musen der griechischen Antike bzw. die Natur, noch hängen ihnen politisch revolutionäre Züge an.
„Beladung des Wortes, weniger Worte, mit einer ungeheuren Ansammlung schöpferischer Spannung, eigentlich mehr ein Ergreifen von Worten aus Spannung“, schrieb Gottfried Benn über die Gedichte Hölderlins, eine Darstellung, nach der ich die Hölderlin-Vertonungen als „Ergreifen von Tönen aus Spannung“ assoziiere, denn die einzelnen Sätze leben aus einer eigenen, ihnen innewohnenden Dynamik und gestalten sich in ihrem Verlauf mit einer Konsequenz, die der Stimmführung Josquin Desprez’ ähnlich ist. Der Reichtum an Obertönen dessen Vokalmusik wird durch die Verwendung von Flageolett-Tönen aufgegriffen, deren Aufleuchten wie Entladungen jener Spannung anmuten, aus der die Musik unmittelbar zu entstehen scheint. Die bewusst „sehr langsam“ gehaltenen Tempi unterstützen diese Vorstellung einer „Beladung des Tones, weniger Töne“ nach Benn. Die Motive und Melodien Grüns gewinnen dadurch für mich eine eigene Griffigkeit bzw. Intensität, die eine Verwendung anderer moderner Kompositionstechniken hinfällig erscheinen lässt.
Auf dieser Vorstellung von Ladung und Entladung kleinster musikalischer Spannungen beruht meine Interpretation der Hölderlin-Vertonungen des Josquin Desprez, aus der heraus ich als Person in den Hintergrund treten kann.

Es gibt ein Vergessen alles Daseins,
ein Verstummen unseres Wesens,
wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.

(Hölderlin, Hyperion, erstes Buch)

Reinhard Klatt


Dauern: 1. Buch ca. 16 Minuten; 2. Buch ca. 20 Minuten

Uraufführungen: 1. Buch 28.3.1999, Tel Aviv (Andreas Grün); 2. Buch 25.1.2003, Karlsruhe (Daniel N. Seel)


Notenbeispiele:
1. Buch (II • V • VI, S.1)
2. Buch (III • VI • VII, S.1)

vollständige Partituren:
1. Buch
2. Buch
(PDF)

anhören:
PLAY1. Buch (komplett)IIIIIIIVVVI

 


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